„Zum Käfer verwandelt“

Gregor Samsa fühlte sich einst am nächsten Morgen erwachend zu einem Käfer verwandelt (Franz Kafka: „Die Verwandlung“). Skurril wie in einem Alptraum ist plötzlich alles anders, nichts scheint mehr wie vorher zu sein. Doch, die anderen und das Environment um einen herum sind wohl die gleichen geblieben, nur die eigene Realität, der Blick und die Wahrnehmung auf einen selbst, scheinen den Gesamtzusammenhang verfremdet zu haben.

Typische Kafka-Atmosphäre – etwas geschieht mit einem, in einem, es scheint kein Entrinnen gegen den Einfluss von irgendwas da draußen zu geben. „Vor dem Gesetz“, „Der Prozess“, „Die Verhaftung“, „Die Verwandlung“ – Stellvertreter für scheinbar imaginäre Kräfte, die ihre Macht über einen – selbst wehrlos – ausüben. Dabei sind es die eigenen Gefühle, Zweifel und Ängste, die als Projektion oder sogenannte „Gespenster“ die eigene Realität auf den Kopf stellen und die Sicht auf die Dinge verzerren.

Wenn ich seit ein paar Jahren mit meinen Augen die Welt erblicke, sehe ich mich zwar nicht zu einem Ungeziefer mutiert, vermute mich aber sukzessive in einem anderen Universum als das mir bekannte, wo die üblichen „physikalischen Kräfte“ in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt zu sein scheinen. Integritäten bröckeln, Debatten auf Augenhöhe sind ein Auslaufmodell, Respekt – kann man das essen? Empathie scheint ein griechisches Erfrischungsgetränk zu sein, nicht die menschliche Gabe, sich in andere hineinversetzen zu können.

Der vermeintlich gebildete und kultivierte Homo Sapiens mutiert auf all seinen Ebenen zum Algorithmus-gesteuerten Reaktionär – die Welt der Apps nimmt ihm auch täglich immer tiefgreifender das Denken ab – egal ob Kopfrechnen, sprachliche Herleitung oder das periphere Wahrnehmen der sozialen Umgebung.

Meine Generation der Heli-Eltern hat es vorgemacht. Torben-Gandalf wird mit dem SUV, in der zweiten Reihe parkend, vor dem Schulgebäude von Mutti abgesetzt und muss sofort per Handy bestätigen, dass er nach dem Überqueren des Schulhofes heil im Schulgebäude angekommen ist. Die Erziehung zur maximalen Unselbständigkeit mit totaler Überwachung – und wenn das „Hotel Mutti“ eines Tages verlassen wird, kommt die große Enttäuschung da draußen, wo sich keiner mehr um einen übertrieben kümmert oder interessiert. Meine Oma setzte meinen Vater vor der Feldarbeit am Ackerrand ab für mehrere Stunden – sich selbst überlassen mit ein paar Figuren zum Spielen. Eine Verwahrlosung seiner Seele konnte ich bis heute nicht erkennen.

Neuerdings sind alle immer betroffen, aber für nichts mehr verantwortlich, empören sich und fordern ihre Rechte ein und vergessen dabei ihre Pflichten. Egal ob beschleunigter Klimawandel oder Nachhaltigkeit – die Apple-Watch muss her, um den Stress des Handys ans Handgelenk – also noch näher an den Kopf – zu bringen und, um noch ein Gerät mehr zu besitzen, das ständig aufgeladen werden muss, statt zu verzichten und zu reduzieren. Ach ja, der Strom kommt ja immer noch aus der Steckdose und das mit dem Reduzieren überlässt man mal schön den anderen. Die Apple-Watch-Funktion der „Sauerstoffsättigung“ lockt den Konsumsklaven – ein Messwert, den nur ein Anästhesist im OP braucht oder ein Herz-oder Lungenkranker, kein einziger gesunder Mensch braucht diese Information, dessen Sauerstoffsättigung in der Regel permanent bei 95-99% liegt. Der Energieverbrauch auf dem Planeten wird weiter größer werden, da klingen Green-Washing-Parolen in Nachhaltigkeitsberichten von Unternehmen nahezu lächerlich. Die KI-Datenbanken alleine in Deutschland zusammen verschlingen den kompletten Stromverbrauch der Stadt Frankfurt am Main an einem Tag.

Kommunikationen reden aneinander vorbei oder finden erst gar nicht mehr statt. Oder doch – in der Echokammer. Viele haben zu allem permanent etwas zu sagen oder zu kritisieren. Warum muss man permanent zur irgendwas eine Meinung haben? Wer fragt danach? In der Regel niemand. Die sozialen Medien belohnen den Autor dafür mit einem Like – alle haschen nach Aufmerksamkeit und Beachtung.

OK, Donald Trump ist ein Narzisst, er haut ständig den anderen im „Sandkasten“ mit dem Schippchen auf den Kopf und schaut, was passiert. Die, die ihn am Rand beobachten, müssen eher schmunzeln und haben Mitleid mit dem orange-blonden Bündel aus Minderwertigkeitskomplexen, gefangen im Körper eines 5-Jährigen.

Aber trifft dieser Neo-Narzissmus oder das Model-Trump nicht längst für den modernen Menschen generell als Verhaltensauffälligkeit zu?

Demokratien kippen, vom Nordpol bis zum Südpol und einmal rund um den Äquator. Autokratien boomen und die tapferen Kämpfer, die seit der französischen Revolution für Freiheit, Gleichheit und Rechte gekämpft haben, den Klerus, Dank Säkularisierung, zum Teufel gejagt und den Bürger von Leibeigentum und Frondienst befreit haben, ihn zum freien Bürger verholfen und mit Rechten (und auch Pflichten) ausgestattet haben, werden mit Füßen getreten. George Washington dreht sich im Grab herum, Immanuel Kant bekommt postmortal Schluckauf und Voltaire Schnappatmung.

Der moderne Mensch verzichtet inzwischen auf vernunftbasierte Evidenz und vertraut lieber seinem Gefühl. Was ich fühle, muss echt sein und vor allen Dingen wahrhaftig. Gefühl gleich Wahrheit. Ich fühle, also ist es wahr. So kommt es, dass Lehrende der Biologie im Hörsaal diskreditiert werden vom woke’schen Geschwätz Heranwachsender in den Sitzreihen. Es gibt nur zwei Geschlechter: XX- oder XY-Chromosomenpaare – Punkt. Es gibt kein drittes Geschlecht. Das ist Fakt, wissenschaftlich evident. Da hilft auch die eigene Phantasie nicht: ich bin ein Einhorn, ein Manga, heute dies, morgen das, von allem etwas oder nichts. Es gibt selten Anomalien, wie überall auf der Welt bei jedem Spezies.

Dass der eine oder die andere sich von Anfang an im falschen Körper fühlt, ist ein komplett anderes Thema. Aber auch hier gilt: Fühlen ist nicht gleich Wahrheit. Wenn wir uns alle nur auf unsere uns so ‚heiligen Gefühle‘ verlassen, sehen wir trotz dem berühmten „Bauchgefühl“ manchmal doch richtig alt aus.

Gefühle und Gedankengänge, in die man sich hineinsteigert und dabei das Korrektiv verliert, enden gerne auch mal als Psychose oder literarisch beispielhaft wie bei Kafka „zum Käfer verwandelt“. Erich Fromm hat die Massenpsychose und „Individueller und gesellschaftlicher Narzissmus“ in seinem schon 1964 erschienenen Buch „Die Seele des Menschen“ ergiebig beschrieben. Der Psychotiker erlebt seine Realität auch als 100% wahrhaftig – bekloppt sind doch die anderen. Da kann man schon mal übers „Kuckucksnest“ stolpern. Im Prinzip ist z. B. extremer Glaube nichts anderes als eine von der „Gesellschaft geduldete“ Psychose – hörst du Gottes Stimme, bist du gläubig, hörst du andere Stimmen, hast du eine bi-polare Störung oder Schizophrenie. Da behauptet doch jemand: „Das Geschlecht sei reine Erziehungssache!“ Nee, einfach mal zwischen die Beine schauen und die Evolution gibt dir die knallharte Antwort: Geschlecht ist nicht das, was ich fühle, sondern das, was ich biologisch bin.

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier und Baum dadurch, dass er abstrakt denken kann. Ein Vorteil, aber gleichzeitig auch sein Nachteil. Abstraktes Denken schafft Phantasie, Kunst, Kultur, Wissenschaft und letztlich Evidenz. Abstraktes Denken schafft aber auch Abgründe wie Quälen, Rache, Genugtuung – kein Tier foltert seine Beute oder rächt sich getriggert am nächsten Geschöpf, das gerade vorbeikommt. Welch Luxus-Problem abstrakten Denkens muss man erleiden, wenn man seine eigene Biologie in Frage stellt und in der heutigen Zeit alles anzweifelt, was einen umgibt. Man stellt sich über Respektpersonen wie Lehrer, Richter, Polizisten, Wissenschaftler, zweifelt ihre Legitimität und Expertise an, macht sie lächerlich und baut sich seinen eigenen Wahrheits-Wahn zusammen, der auf Gefühlen, Stimmungsmache und Vorurteilen basiert. Rettungskräfte wie Notärzte und Feuerwehrleute werden an ihrer Arbeit gehindert, erneut bespottet und lächerlich gestellt – das ganze bitte mit dem Handy filmen und ins Netz stellen. Und alle schallen drauf los und shitstormen die Betroffenen. Ja, das kann abstraktes Denken auch, wenn es ausartet und niemand mehr Kritik daran übt, sondern gleichgültig resigniert und alles seinen Lauf lässt. Auch Integrität verkümmert in unserer modernen Welt – es ist ja so anstrengend sich selbst treu zu bleiben.

Inzwischen erzählen uns auch die politischen Autokraten stündlich wie die Mächte der Welt zu funktionieren haben – die Neuordnung der Welt und Macht, die nach dem 2. Weltkrieg Fortschritte wie die „Charta der UN“ oder eine stabile „Atlantische Brücke“ hervorgebracht haben, wird im Eiltempo umgebaut. Trump, Putin, Chi-Ping, Erdogan, Netanjahu – das „Rat-Pack“ der Neuzeit. Die alten weißen Männer verblöden am ihrem Testosteronspiegel und ziehen die ganze Welt in ihren zerstörerischen Männlichkeits-Wahn mit hinein – Amen.

Der Alu-Hut-Träger von nebenan erklärt mir gerade mal wieder, dass die Erde doch nur eine Scheibe ist gegen allen Regeln der Vernunft und evidenzbasierten Beobachtungen seit der Renaissance bis in die 2. Moderne. „…die Mondlandung 1969 ist ja Fake und in der Wüste von Nevada mit Slow-Motion gefilmt…“ Zu dumm, dass der ausgesetzte und handjustierte Parabolspiegel auf der Mondoberfläche heute immer noch mit freigegebenen Koordinaten mit einem Laser angepingt werden kann.

Ich wurde während Corona von einer jungen Frau „verprügelt“ (lach), weil wir nicht aus dem Weg ins Gebüsch sprangen, um ihr und den sieben anderen, die nebeneinander wie ein Wand uns entgegen kamen, Platz zu machen. Sie verstand meine Argumente nicht und Empathie wahr auch hier nur ein Getränk. Nach mehreren Argumentier-Versuchen hob ich als ultima ratio den Stinkefinger, dann tickte sie aus. Meine bessere Hälfte scheuerte ihr eine und ihre Brille flog zu Boden. Dann wahr sie außer Gefecht – keines Wegs, sie meckerte ständig weiter – anscheinend mit einer Duracell-Batterie im Rücken ausgestattet, die hält bekanntlich doppelt so lange.

Die digitale Revolution ist die erste nicht analoge nach den Milestones: Feuer, Rad, Sesshaftwerdung, Dampfmaschine, Elektrizität und Atombombe. Einsen und Nullen zerlegen die Materie und „unsere Erfahrung“ und entfremden uns nach der industriellen Revolution und Arbeitsteilung noch weiter von unseren Sinnen. Ein Suhrkamp-Taschenbuch vergilbt, bekommt Eselsohren und duftet nach Papier, ein E-Book frisst einfach nur Energie – finde den Fehler. Die KI potenziert das Digitale ins unermessliche. Ich möchte in keiner Welt leben, wo Datenbanken Musik zusammensetzen wie ein Frankenstein-Monster, Bilder faken, Dinge aus dem Kontext reißen und KI-Stimmen den ganzen unauthentischen und unplausiblen Fake-Mist auch noch vorlesen. Der schöpferische und künstlerische Prozess des Schaffenden löst sich auf wie die Telefonnummern, die wir früher alle noch auswendig lernten mit einer jeweils eigenen Text-Melodie und damit unseren Hirn-Muskel lebendig hielten.

Im Prinzip leben wir schon lange in einer Anarchie. Gesetze sind nur „Empfehlungen“ – keine Richtlinien, die einer Gesellschaft helfen, sich zu orientieren und dafür zu sorgen, dass alle miteinander auskommen. In der 30er-Zone rast man 60 und auf der 50er-Straße schläft man mit 30 km/h vor sich her – der Kopf ist irgendwo, aber nicht im Hier und Jetzt und das 24/7 im sogenannten Kommunikationszeitalter, an dem es im Besonderen an Kommunikation mangelt.

Die guten alten ZEN-Buddhisten haben das schon sehr früh erkannt: „Sei im Hier und Jetzt und konzentriere dich auf eine Sache mit all deinen Sinnen“. Dann noch eine Prise Achtsamkeit dazu und so könnte es gelingen, sich zwischen Narzissten und Ignoranten, Aluhut-Trägern und Schwätzern, Autokraten und Heilsversprechern entlang zu hangeln bis schließlich der Big-Bang kommt und die Dummheit in 3 Jahren – in einigen Bundesländern schon im Herbst – nach 100 Jahren wieder völkisches, rückwärtsgewandtes BRAUN wählt – alles beginnt immer wieder von vorne.

Manchmal fällt es nicht leicht, Berufsoptimist zu bleiben.

„History will teach us nothing“ – STING.